Was bedeutet Cadavre exquis?
Paris, Mitte der 1920er. Die Surrealisten um André Breton, Jacques Prévert und Yves Tanguy wollen die Vernunft entthronen und dem Unbewussten das Steuer überlassen. Eines Abends sitzen sie zusammen, jeder schreibt ein Satzglied auf ein Blatt, faltet es um und reicht es weiter. Als das Papier am Ende aufgeklappt wird, steht da: „Le cadavre exquis boira le vin nouveau." Der köstliche Leichnam wird den neuen Wein trinken.
Keiner hatte diesen Satz geplant, und keiner konnte ihn allein erfunden haben. Die Runde war begeistert und taufte das Spiel auf den Namen seines ersten Opfers: Cadavre exquis, der „köstliche Leichnam". Exquis meint dabei „erlesen", nicht „lecker". Wirklich essbar war nur der Wein.
Ein Spiel wie eine Séance
Das Faltspiel hatte etwas Unheimliches. Niemand führte die Feder allein, und trotzdem entstand etwas, das wie ein fremder Wille wirkte. Genau das suchten die Surrealisten: Kunst, die nicht aus dem Kopf eines Genies kommt, sondern aus dem Zufall zwischen mehreren Köpfen. Bald zeichneten sie auch so, mit Kopf, Rumpf und Beinen von jeweils anderer Hand. Heraus kamen Mischwesen, die wie Albträume mit Humor aussahen und ihre Schöpfer selbst überraschten.
Gar nicht so neu
Ganz aus dem Nichts kam die Idee allerdings nicht. Im viktorianischen England kannte man das Salonspiel Consequences: Wer ist er? Wer ist sie? Wo trafen sie sich? Was sagte er? Was sagte sie? Was war die Folge? Was sagte die Welt dazu? Das klingt vertraut. Die Surrealisten haben einen Gesellschaftsspaß zur Kunstform erhoben und ihm einen deutlich besseren Namen gegeben.
Und jetzt ihr
Jede Person beantwortet nur eine Frage und weiß nicht, was davor geschrieben wurde. Genau deshalb entstehen Geschichten, die sich keiner allein ausdenken könnte: absurd, manchmal poetisch, selten langweilig. In dieser App klappt ihr das Papier virtuell um, nach jeder Runde wandern die Geschichten weiter, und am Ende gehört keine einem allein.
Der köstliche Leichnam trinkt den neuen Wein weiter. Diesmal mit euch.